Deutschland diskutiert seit Jahren über den Ausbau öffentlicher Ladeinfrastruktur. Neue Schnellladeparks werden eröffnet, Förderprogramme aufgelegt und Ausbauziele formuliert. Gleichzeitig bleibt ein großes Potenzial weitgehend ungenutzt: Hunderttausende private Wallboxen verbringen den Großteil ihrer Zeit im Leerlauf.
Die Debatte über Elektromobilität konzentriert sich fast ausschließlich auf den Neubau von Ladepunkten. Dabei wird eine einfachere Frage selten gestellt: Müssen wir wirklich immer neue Ladepunkte errichten, oder sollten wir vorhandene Ladepunkte besser nutzen?
Genau hier setzt das Konzept des Wallbox-Sharings an. Private Wallbox-Besitzer stellen ihre Ladepunkte zeitweise anderen Elektroautofahrern zur Verfügung. Was zunächst wie eine Nischenidee der Sharing-Economy klingt, könnte zu einem wichtigen Baustein der Verkehrswende werden.
Denn die Elektromobilität hat ein Verteilungsproblem. Wer ein Eigenheim mit Stellplatz besitzt, kann bequem zuhause laden. Wer zur Miete wohnt, hat diese Möglichkeit häufig nicht. Dadurch entsteht eine neue Form der Ungleichheit in der Elektromobilität. Während die einen von günstigen Strompreisen und maximalem Komfort profitieren, sind andere auf öffentliche Ladeinfrastruktur angewiesen.
Dabei existieren bereits heute enorme ungenutzte Kapazitäten. Viele private Wallboxen werden nur wenige Stunden pro Woche genutzt. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist das schwer zu rechtfertigen. Infrastruktur, die vorhanden ist, aber kaum genutzt wird, verursacht Kosten, ohne ihren möglichen Nutzen vollständig zu entfalten.
Unsere Untersuchungen zeigen, dass die Idee des Wallbox-Sharings grundsätzlich auf Interesse stößt. Allerdings sind Nutzer keineswegs bereit, jede Form des Teilens zu akzeptieren. Entscheidend sind fünf Faktoren: Die Nutzung muss einfach sein, die Mobilität darf nicht eingeschränkt werden, die Kosten müssen fair sein, Vertrauen zwischen den Beteiligten muss entstehen und das System sollte einen erkennbaren Nachhaltigkeitsbeitrag leisten.
Besonders interessant ist die Rolle von Photovoltaik-Anlagen. Viele Besitzer von Photovoltaik-Anlagen betrachten ihren selbst erzeugten Solarstrom als Teil ihrer persönlichen Energiewende. Sie zeigen eine hohe Bereitschaft, diesen Strom auch anderen Elektroautofahrern zur Verfügung zu stellen. Wallbox Sharing könnte damit nicht nur Ladeinfrastruktur teilen, sondern auch die direkte Nutzung lokal erzeugter erneuerbarer Energie fördern.
Trotzdem ist Wallbox-Sharing bislang kein Massenmarkt. Der Hauptgrund liegt nicht in fehlender Technologie. Die technischen Lösungen existieren längst. Die eigentlichen Probleme sind regulatorischer Natur. Fragen zu Haftung, Versicherung, Steuerrecht und Abrechnung schaffen Unsicherheit. Hinzu kommt, dass sowohl Anbieter als auch Nutzer nur eine begrenzte Zahlungsbereitschaft zeigen. Für Plattformbetreiber ist es deshalb schwierig, tragfähige Geschäftsmodelle aufzubauen.
Genau hier sollte die Politik ansetzen. Statt ausschließlich den Neubau von Ladepunkten zu fördern, sollten regulatorische Hürden für die gemeinsame Nutzung bestehender Ladeinfrastruktur abgebaut werden. Deutschland benötigt einen einfachen und rechtssicheren Rahmen für privates Laden gegen Entgelt. Wer seine Wallbox gelegentlich mit anderen teilt, sollte nicht das Gefühl haben, ein kleines Energieunternehmen gründen zu müssen.
Wallbox-Sharing wird den Ausbau öffentlicher Ladeinfrastruktur nicht ersetzen. Das muss es auch nicht. Aber es kann eine wichtige Ergänzung sein. Gerade in Städten, in denen private Stellplätze knapp sind und der Ausbau neuer Ladepunkte teuer ist, könnte die gemeinsame Nutzung bestehender Infrastruktur einen spürbaren Beitrag leisten.
Die Energiewende braucht nicht nur mehr Infrastruktur. Sie braucht auch eine intelligentere Nutzung der Infrastruktur, die bereits vorhanden ist. Die günstigste neue Ladesäule Deutschlands könnte deshalb eine sein, die längst installiert wurde.
— Der Autor Paul Fabianekist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand im Bereich Energieökonomik an der RWTH Aachen University. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der Integration erneuerbarer Energien, der Akzeptanz von Elektromobilität sowie der Ausgestaltung von Smart-Charging- und Flexibilitätsmechanismen. Zudem ist er als selbstständiger Energie- und Mobilitätsberater tätig. —






