Ende der 1970er-Jahre war Photovoltaik weder Industrie noch Geschäftsmodell, sondern politische Haltung und technische Pionierleistung. Das Berliner Ingenieurskollektiv Wuseltronik steht exemplarisch für diese frühe Phase der Solarenergie in Deutschland und zeigt, was ein Start-up damals ausmachte. Ein Auszug aus dem Buch „Deutsches Sonnenmärchen“ von Michael Bukowski.
Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Buch „Deutsches Sonnenmärchen – Wie wir die Solarenergie zum weltweiten Erfolg gemacht haben“ von Michael Bukowski und erscheint mit freundlicher Genehmigung des Autors. Der Ich-Erzähler ist nicht der Autor selbst, sondern ein Außerirdischer, der als unbeteiligter Beobachter die Welt auf dem Weg der Dekarbonisierung begleitet und auf allerhand abenteuerliche Geschichten stößt.
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Wuseltronik – das Ingenieurs-Kollektiv
So, genug Freiburg. Es passiert ja auch anderswo in Deutschland einiges in Sachen Solarenergie – an Universitäten, in Stuttgart und Oldenburg zum Beispiel. Aber ich habe noch von einer ganz anderen Nummer gehört, in Berlin. Da zieht’s mich hin.
Ende der 70er-Jahre. Fabriketage, Hinterhof, Berlin-Kreuzberg. Eine Truppe alternativer Ingenieure tut sich zu einem Kollektiv zusammen und nennt sich „Wuseltronik“.
Reiner Lemoine, einer der Gründer, Frontmann der Band, wenn es eine wäre – genial, verrückt, visionär –, sagt es so: „Scheiß auf den Kommerz. Lass uns was Richtiges machen!“ Der Mann trägt eine John Lennon-Brille und ähnelt auch sonst dem Beatles-Musiker mit einer gewissen Ausstrahlung. Aber was heißt „was Richtiges machen“? Geile Technik zu entwickeln. Welche Technik soll es sein, wenn man die Atomkraft für den falschen Weg hält und fossile Verbrennung indiskutabel ist? Ein eher konservativer Uni-Professor sagt es so: „Solar und Wind? Kinderkacke! Eine Technologie, die nicht die Erde in zwei Hälften spalten kann, kann ich nicht ernst nehmen.“
So weit, so normal. Innovationen oder technologische Revolutionen wurden selten auf Anhieb begeistert aufgenommen. Das gilt umso mehr, wenn sie etablierte Industrien herausfordern oder einfach die Fantasie vieler Menschen überfordern. Bekannt ist das angebliche Zitat eines ehemaligen IBM-Chefs: „Ich glaube, dass es auf der Welt einen Bedarf von vielleicht fünf Computern geben wird.“ Ob der Mann das wirklich gesagt hat, lässt sich nicht belegen. Man kann sich aber vorstellen, dass viele so dachten. Was sollte denn ein Mensch mit einem eigenen Computer anstellen? Oder andere Frage: Warum sollte man denn Wind- und Solarenergie nutzen, wenn doch bald alle mit atomgetriebenen Flugtaxis unterwegs sein werden?
„Scheiß auf den Kommerz. Lass uns was Richtiges machen!“
Reiner Lemoine, Mitgründer von Wuseltronik
Das sehen die Wuseltroniker anders. Der Name setzt sich zusammen aus „Wind- und Sonnenelektronik“. Die Hippie-Ingenieure entwickeln Geräte wie den „Wumm“ (Wu-Messmodul) oder den „Wuwickel“ (Wu-Windklassierer).
„Was Richtiges machen“ bedeutet aber nicht nur, im Kollektiv zukunftsweisende Technologie zu erwuseln, sondern es mit dem antikapitalistischen Konzept wirklich ernst zu meinen. Einer der Leute sagt später: „Eine solch krasse Zeit habe ich danach nicht wieder erlebt. Die leidenschaftlichen, endlosen Diskussionen und Streitereien, oft bis tief in die Nacht. Es gab ja keine Chefs bei uns, alles musste eben gemeinsam entschieden werden. Dazu der Stress, die Angst, falsche Entscheidungen zu treffen, plötzlich verschuldet zu sein und dann doch in der etablierten Industrie arbeiten zu müssen.“
Alle sind Gesellschafter und tragen das unternehmerische Risiko mit. Leben und Arbeiten sollen nicht getrennt sein, man kocht zusammen, oft schläft man gleich vor Ort und zur Not arbeitet man auch mal drei Tage und Nächte am Stück. Und Geld zahlt man sich nur in eher homöopathischer Dosierung aus. Allerdings braucht man ja auch kaum Geld, wenn man eh sein Leben im Kollektiv verbringt und vielleicht ganz selten mal privat ins Kino geht. Und zwischendurch fährt man nach Brokdorf oder Gorleben, um gegen die Atomenergie zu demonstrieren.
pv magazine Podcast mit dem Autor Michael Bukowski und dem Herausgeber Karl-Heinz RemmersÂ
Von diesem Konzept der Selbstausbeutung waren sogar Leute von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung angetan, die bei Wuseltronik eigens zu Besuch waren. Die Wuseltroniker arbeiten mehr, bezahlen sich weniger und haften auch noch als Gesellschafter fürs Unternehmen. Die Naumann-Leute finden das Konzept sehr interessant. Den Gewerkschaften gefällt dieser Ansatz dagegen gar nicht.
Ein Steuerprüfer vom Finanzamt besucht Wuseltronik in schöner Regelmäßigkeit alle zwei Jahre, der maximal zulässige Prüfungsturnus, mit dem der Fiskus das Wusel-Kollektiv beehrt. Aber der Steuerprüfer kommt gern. Hier kriegt er Kaffee und Mittagessen und muss winters nicht in unbeheizten, zugigen Bürofluren frieren wie bei den größeren Unternehmen, bei denen für ihn alles andere als Komfort vorgesehen ist. Bei Wuseltronik wird er ein wenig zum Freund des Hauses.
Trotz ihrer sozialistischen Experimentalkultur genießen die Wuseltroniker einen guten Ruf für ihre technische Expertise. Sie erhalten auch regelmäßig Aufträge von der öffentlichen Hand. Es sind ja Ingenieure, Physiker oder – wie Reiner Lemoine – Luft- und Raumfahrttechniker, die sich hier zusammentun, innovative Geräte erfinden und diverse Auszeichnungen und Preise ernten. „Wuseltronik war wegweisend für die heutige Solarbranche“, wird der eine oder die andere später sagen.
Ein Auftakt in die Solartechnologie à la Wusel war die Bitte eines Bekannten. Der wollte Anglerhütten in Schweden energieautark mit Strom versorgen. Wuseltronik entwickelte einen Laderegler, der die Solarmodule auf dem Dach mit einer Autobatterie synchronisierte. Es folgen anspruchsvollere Eigenentwicklungen, zum Beispiel ein Solarkühlschrank, mit dem in heißen Regionen Impf-Seren gekühlt werden konnten, eigene Photovoltaik-Anlagen, Solarwechselrichter zur Netzeinspeisung oder Messtechnik für Forschungsprojekte an der TU Berlin. Solar- und Windenergie werden zum Schwerpunkt des Kollektivs. Ist das schon dieses „Was Richtiges machen“?
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Das Buch „Deutsches Sonnenmärchen – Wie wir die Solarenergie zum weltweiten Erfolg gemacht haben“ kann für 19 Euro über die Webseite www.sonnenmaerchen.de und den Buchhandel bezogen werden.
ISBN: 978-3-98726-505-1
Softcover, 192 Seiten
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— Der Autor Michael Bukowski hat bereits mehrere populäre Sachbücher geschrieben und lebt in Berlin. Außerdem arbeitet er als Speaker. Vor seiner Zeit als Autor und Speaker war Michael Bukowski rund zwanzig Jahre als freier Texter tätig.
Michael Bukowski geht auf die Sonnenmärchen Tour 2026. Kontakt für Lesungen und Vorträge: anfrage@sonnenmaerchen.de
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